Hitze und Medikamente – wenn der Sommer zur Belastung für den Körper wird
Heiße Sommertage sind für viele Menschen anstrengend. Für ältere Menschen sowie für Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder chronischen Nierenerkrankungen kann die Kombination aus Hitze und bestimmten Medikamenten zur ernsthaften gesundheitlichen Gefahr werden.
Hitzewellen sind medizinisch kein harmloses Phänomen. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) führt ein laufendes Hitze-Mortalitätsmonitoring für Österreich. Die Daten zeigen: Hohe Temperaturen belasten die Bevölkerung erheblich. Laut Gesundheit Österreich berichteten 2024 sechs von zehn Menschen von Schlafproblemen durch die Hitze, mehr als die Hälfte war in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt, und insgesamt 85 Prozent der Bevölkerung beobachteten zumindest eine gesundheitliche Beeinträchtigung. Was dabei oft unterschätzt wird: Das eigentliche Problem ist häufig nicht die Temperatur allein, sondern ihr Zusammenspiel mit bestimmten Medikamenten.
Was im Körper passiert – die Physiologie der Hitze
Die Kerntemperatur des menschlichen Körpers wird vom Hypothalamus auf etwa 37 °C reguliert. Bei großer Hitze versucht der Körper, diese Temperatur durch vermehrtes Schwitzen zu halten. Dabei verliert ein Erwachsener unter Belastung leicht zwei bis drei Liter Flüssigkeit pro Tag – manchmal mehr. Mit dem Schweiß gehen nicht nur Wasser, sondern auch Elektrolyte verloren, vor allem Natrium und Kalium.
Gleichzeitig verlagert der Körper das Blut in die Peripherie, um Wärme abzugeben. Dadurch werden zentrale Organe wie Niere, Leber und Herz schlechter versorgt. Das Herz muss schneller schlagen, der Kreislauf wird stärker belastet. Bei gesunden jungen Menschen gelingt diese Anpassung gut. Bei älteren Menschen mit Vorerkrankungen und oft mehreren Dauermedikamenten kann dieses System rasch überfordert sein.
Die Nieren: besonders verwundbar bei Flüssigkeitsmangel
Wird der Flüssigkeitsverlust durch Schwitzen nicht ausgeglichen, sinkt das zirkulierende Blutvolumen. Die Nieren reagieren mit einer verminderten Filtration – sie können Abfallstoffe schlechter ausscheiden und den Blutdruck schwerer regulieren. Im ungünstigsten Fall entsteht ein prärenales akutes Nierenversagen: nicht weil die Niere selbst geschädigt ist, sondern weil sie zu wenig Blut bekommt.
Besonders gefährdet sind Menschen, die Medikamente einnehmen, die in das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) eingreifen – also ACE-Hemmer und Sartane. Diese Substanzklassen sind aus gutem Grund weit verbreitet: Sie senken den Blutdruck, schützen die Niere bei Diabetes und verbessern die Prognose bei Herzinsuffizienz. Bei Dehydratation können sie jedoch – zusammen mit entwässernden Medikamenten oder Schmerzmitteln – die Nierenfunktion akut verschlechtern.
Die Kombination aus Diuretikum, ACE-Hemmer oder Sartan und einem NSAR ist bei Dehydratation besonders riskant – Fachleute sprechen von der sogenannten „Triple Whammy"-Konstellation.
Das Herz: Kaliumverlust und Rhythmusprobleme
Mit dem Schweiß verliert der Körper Kalium. Sinkt der Kaliumspiegel unter den Normbereich, verändert sich die elektrische Erregbarkeit der Herzmuskelzellen – das Risiko für Herzrhythmusstörungen steigt, besonders bei Menschen mit vorbestehenden Herzerkrankungen oder unter Herzmedikamenten. Schleifendiuretika wie Furosemid und Torasemid sowie Thiazide verstärken diesen Effekt, da sie aktiv Kalium über die Niere ausscheiden.
Besonders heikel ist die Situation bei Patientinnen und Patienten, die Digoxin einnehmen. Digoxin hat ein enges therapeutisches Fenster: Die Grenze zwischen wirksamer und toxischer Dosis ist schmal. Bei Dehydratation steigt die Konzentration im Blut an – mit dem Risiko einer Intoxikation, die sich durch Herzrhythmusstörungen, Übelkeit und Verwirrtheit äußern kann.
Welche Medikamente verdienen besondere Aufmerksamkeit?
Übersicht hitzekritischer Medikamentengruppen
Besonders gefährlich: mehrere Risikofaktoren gleichzeitig
Die größte Gefahr entsteht nicht durch eine einzelne Substanz, sondern durch Kombinationen. Die „Triple Whammy"-Konstellation – Diuretikum plus ACE-Hemmer oder Sartan plus NSAR – ist bei Dehydratation besonders nephrotoxisch und in der Praxis häufiger anzutreffen, als man annehmen würde.
Hinzu kommt: Ältere Menschen nehmen häufig mehrere Dauermedikamente gleichzeitig ein, und das Durstgefühl lässt im Alter physiologisch nach – der Körper meldet einen Flüssigkeitsmangel später oder gar nicht. Das macht diese Personengruppe besonders anfällig.
Mögliche Warnzeichen ernst nehmen
Warnzeichen, die ärztliche Abklärung erfordern
- Schwindel, Benommenheit oder Ohnmachtsgefühl – besonders beim Aufstehen
- Herzrasen, Herzstolpern oder unregelmäßiger Puls
- Ungewöhnliche Müdigkeit, Schwäche oder Teilnahmslosigkeit
- Verwirrtheit oder Orientierungslosigkeit (Notfallzeichen – sofort handeln)
- Blutdruckschwankungen oder stark erhöhte Blutzuckerwerte
- Verminderte oder fehlende Harnmenge trotz Trinken
- Sehr trockene Schleimhäute oder trockene Zunge
- Ausbleibendes Schwitzen trotz großer Hitze (Zeichen einer gestörten Thermoregulation)
- Übelkeit, Erbrechen oder Muskelkrämpfe
Medikamente richtig lagern
Viele Arzneimittel verlieren bei hohen Temperaturen ihre Wirksamkeit oder verändern ihre chemischen Eigenschaften – oft ohne äußerlich sichtbare Zeichen. Besonders empfindlich sind Zäpfchen, Salben, Säfte, Wirkstoffpflaster, Augentropfen und Insuline. Die meisten Tabletten sollten unter 25 °C gelagert werden – was im Auto oder in einem sonnenbeschienenen Badezimmer rasch überschritten wird. Geeignet sind kühle, trockene und dunkle Orte im Wohnbereich. Achtung: Kühlschrank bedeutet nicht automatisch besser – viele Medikamente sollten nicht unter 8 °C gelagert werden.
Mein Rat aus der Praxis
Wer Herz-, Blutdruck-, Diabetes-, Nieren- oder Psychopharmaka einnimmt, sollte während einer Hitzewelle erhöhte Aufmerksamkeit walten lassen. Ausreichend trinken ist der wichtigste Einzelfaktor – aber nicht pauschal: Bei Herzinsuffizienz oder fortgeschrittener Nierenerkrankung gibt es Trinkmengenbeschränkungen, die im Sommer individuell angepasst werden müssen. Sprechen Sie mich bei Fragen gerne direkt an.
- Medikamente niemals eigenständig absetzen oder die Dosis verändern – auch wenn es vorübergehend besser erscheint.
- Bei Unsicherheit frühzeitig ärztlichen Rat einholen – nicht abwarten, bis Symptome sich verschlechtern.
- Angehörige aktiv beobachten: Ältere Menschen melden Beschwerden oft zu spät oder gar nicht.
- Medikamente korrekt lagern und vor Hitze schützen.
- Bei Verwirrtheit, Kreislaufkollaps oder ausbleibendem Schwitzen trotz Hitze: sofort Notruf 144 rufen.
- Das österreichweite Hitzetelefon des Gesundheitsministeriums: 0800 880 800 (kostenlos, werktags 6–22 Uhr, Sa 8–20 Uhr, So 8–18 Uhr).
Oft ist nicht die Hitze allein das Problem – sondern die Kombination aus Hitze, Flüssigkeitsverlust und Medikamenten. Wer das weiß, kann rechtzeitig handeln.